Mayday …Mayday - Seetouristik in Not!

Veröffentlicht: Donnerstag, 18. März 2021

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Keine Branche ist in den vergangenen 20 Jahren so dynamisch gewachsen wie die der Kreuzfahrten.


Und bis zum Anfang dieses Jahres standen alle Zeichen weiter auf ein noch Schneller, noch Größer, noch Ertragreicher. Die marktführenden seetouristischen Großkonzerne schrieben für die Touristik geradezu „utopisch“ hohe Nettorenditen von 15 - 19 %, die Auftragsbücher der Werften für Neubauten waren prall gefüllt. Die vier größten Reedereikonzerne kontrollierten nahezu 90 % des Weltmarktes und die Zeichen standen weiter­hin klar auf aggressive Expansion. Insgesamt waren für 2020 von den großen Reedereien sieben Großschiffe mit zusätzlich rund 32.000 Betten Kapazität zur Indienststellung vorgesehen, weitere Großschiff-Neubauten mit einer Kapazität von zusätzlich rund 27.000 Betten sollten bis 2026 folgen. Bei einer durch­schnittlichen Reisedauer von 7 Tagen müssten also ab 2026 insgesamt ca. drei Mio. Gäste oder knapp 21 Millionen Übernachtungen pro Jahr zusätzlich ver­kauft werden. Der chinesische Konzern Genting erteilte außerdem Neubau­aufträge für die asiatischen Märkte: zwei Schiffe mit einer Kapazität von je über 9.000 Betten wurden bei der renommierten MV-Werft in Wismar platziert, liquiditätsstarke Unternehmen wie Virgin Voyages und Ritz Carlton erklärten in statements ihre festen Pläne, demnächst in die Boombranche Kreuzfahrten einzu­steigen.


Und dann… kam Corona!

Seit Monaten befinden sich die meisten Schiffe im warm- oder cold-lay–up, nahezu alle Reisen für das Geschäftsjahr 2020 wurden nach und nach abgesagt, die Pläne für einen Neustart in 2021 sind noch vom Prinzip Hoffnung geprägt und sind auch aktuell noch vage. Dem Marktführer Carnival entsteht nach eigenen Angaben durch die Lay-ups eine monatliche Cash-burn-Rate in Höhe von 250 Mio Dollar. Etwa 20 % der gesamten Flotte sollen, so aktuelle Planungen, langfristig außer Dienst gehen. Lediglich der türkische Hafen in Aliaga „boomt“ - dort sind die auf das Abwracken von Kreuzfahrtschiffen spezialisierten Werften. Aktuell ist hier Hochbetrieb und es werden große Kreuzfahrtschiffe abgewrackt, obwohl diese voll funktionstüchtig sind und 2019 finanziell erfolgreich noch in Vollbetrieb waren. Erste Reedereien wie z.B. South Quay Travel & Leisure Ltd. mit ihren bekannten Marken Cruise & Maritime Voyages und Transocean Kreuzfahrten mussten bereits den Weg zum Insolvenzrichter antreten. Traditionelle Kreuzfahrtschiffe wurden zu geradezu lächerlichen Preisen veräußert. Andere Unternehmen überlebten bisher nur durch hohe Staats¬¬kredite bzw. neue, profunde Gesellschafterdarlehen. Der seit rund zwei Jahrzehnten anhaltende Paradigmenwechsel vom traditionellen, kleineren Kreuzfahrtschiff zum standardisierten, „modernen“ Massenprodukt der Megaschiffe mit 4000 und mehr Betten aber scheint durch die Corona-Pandemie gebrochen. Diese Aussage wird durch das umfangreiche, von der amerikanische Behörde CDC, Centers or Disease Control and Prevention angeordnete Regelwerk befeuert. Diese sehen u.a. eine strenge Limitation der Passagierzahl vor, in deren Folge ab sofort nur noch eine maximale Auslastung von 60 % der Schiffe zulässig ist. Da die Megaschiffe bisher mit Vollauslastung kalkuliert und meist auch gebucht waren, könnte dies bei einer ersthaften Gewinnerzielungsabsicht bei identischen Kostenstrukturen nur heißen, dass empfindliche Erhöhungen der Verkaufspreise notwendig werden/würden. Dabei werden durch die vorbeugenden Corona-Maßnahmen sicherlich noch weitere Kostenerhöhungen zu erwarten sein. Erschwerend kommt noch hinzu, dass der wichtigste Ertragsfaktor der Großreedereien, die an Bord während der Reisen generierten Erträge (onboard revenues) erheblich verfallen werden. Gegenstand der von CDC erlassenen Orders sind auch harte Einschnitte in ein unbeschwertes Urlauber-Leben an Bord: tägliche, mehrfache Fieberchecks, eine strenge Maskenpflicht außerhalb der Kabine, notwendige Reduzierungen von Serviceleistungen. Ob die ebenfalls geforderte Abstands¬regelung („min.6 feet“ bzw. 1,8 m) an Bord der Schiffe in die Praxis umgesetzt werden kann scheint zumindest fraglich. Man stelle sich hier nur die Benutzung der Lifte vor…!

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