MS HAMBURG: Gorillas im Eismeer

Veröffentlicht: Sonntag, 04. November 2018

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Die HAMBURG gleitet bei der Ausfahrt aus dem grönländischen Fjord bei Paamiut lautlos auf eine gigantische, im Sonnenlicht hellblau strahlende Eisbergkathedrale zu.

Von der Kälte geschützt, sitzen an den großen Fenstern des Schiffes die staunenden Reisenden, die bereits nach wenigen Tagen zu einer Gemeinschaft zusammen gefunden haben. Diese Mischung aus erfahrenen Globetrottern und Wiederholungsreisenden parlieren, nicht ohne Stolz, ange-regt über ihre vielfältigen Reiseerlebnisse: Ilse schwärmt von ihrer letzten Safari durch die Namib-Wüste, Gertrud vom Schwimmen mit den lustigen Amazonasdelfinen. Sylvia kontert - Eis ist Trumpf - mit der letzten Antarktis-Kreuzfahrt mit „Ihrer“ HAMBURG. Die Dürre aber, deren Namen noch keiner kennt , schießt sie, erlebnistechnisch, mit ihren Erzählungen alle ab: “Ich war bei den Berggorillas in Rwanda!“.

Damit übernimmt sie vorübergehend die Gesprächshoheit der Expertenrunde. In breitem schwäbischen Dialekt schildert sie mit weit ausholendem Gestus die Friedfertigkeit der Urwaldriesen, deren Duft und Zartheit, das Zupfen der Jungen an ihrem T-Shirt. Als der erfahrene Kapitän von der Brücke bekannt gibt, dass er jetzt so nah wie möglich an den türkis strahlenden Eisdiamanten heranfahren wird, stürzen alle Reisenden mit gezückten Fotoapparaten hinaus auf das Sonnendeck. Damit scheint das Gorillathema erledigt. Sylvia ätzt noch kurz: “Die mit Ihren Affen“, doch dann saugt der lautlos glitzernde Eisberg das gebannte Interesse der Reiseprofis ein und es wird andächtig still auf dem Deck.

Am Vortag:
MS-HamburgNuuk, die grönländische Hauptstadt, die sich stolz mit den beiden einzigen Verkehrsampeln des ganzen Landes preist. Durch informativ- kritische, zu keiner Zeit belehrende Lektorate, waren die Reisenden bestens auf den dortigen Aufenthalt vorbereitet. Erlebten die traurigen, bereits verfallenden aber noch bewohnten Plattenbauten, in denen die Kolonialmacht Dänemark, mit der eigentlich guten Absicht eine bessere medizinische Versorgung und Schulbildung zu gewährleisten, einst die Inuit eingepfercht hatte. Wie durch das Wirken der christlichen Missionare freien Jägern und Fischern ihr tiefer Glauben an die Natur und damit ihr freies Denken genommen wurde und wie diese heute als monotone Fischfilettierer in den großen Fischfabriken arbeiten. Warum in der Konsequenz bei den entwurzelten indigenen Inuit der Alkoholismus und eine der höchsten Selbstmordraten der Welt die Folge sind. Im lokalen Museum kann der Reisende tiefe Einblicke in das ursprüngliche Leben der Ureinwohner gewinnen und lernen, wie man sich gegen die Kälte schützte, welch zarte Kunstwerke aus Walfisch- und Robbenknochen entstanden waren. Überall im Museum gegenwärtig : ein geheimnisvoller Schamanismus, wie dieser nur der Natur zutiefst verbundenen Völkern zu eigen ist.

In der Kleinstadt Quaqortog viele bunte Häuser, freundlich Menschen und Straßennamen, die geeignet sind sich den Kiefer auszuhaken: Tassuunaqquunnnerit Tamaasa. Die HAMBURG liegt in der landschaftlich herrlichen Bucht vor Anker und die russischen Offiziere und Matrosen gehen ihrer privaten Leidenschaft , der Fischerei, nach während die Gäste den Ort
erkunden. Die Empathie, die den Gästen der MS HAMBURG von der Besatzung entgegengebracht wird, dokumentiert sich nachmittags darin, dass die reichen Fänge der Crew frisch zubereitet den Gästen auf dem Sonnendeck direkt vom Grill angeboten werden. Und genau dies macht die HAMBURG so einzigartig: der freundschaftlich gelebte Service, die Aufmerksamkeit, die den Gästen entgegengebracht wird, dürfte einmaligen Charakter haben. Dazu passt auch, dass der Kapitän, ein leidenschaftlicher Skatspieler, es sich nicht nehmen lässt mit „seinen“ Gästen während der Reise einige zünftige Skatrunden zu dreschen. Ein Sprachproblem besteht dabei nicht - der Kapitän spricht ausgezeichnet deutsch! Die Bordsprache Deutsch ist für die rund 350 Gäste der HAMBURG ohnehin ein wohltuender Unterschied im Vergleich zu anderen Schiffen und ein wichtiger Buchungsanreiz. Auf den modernen Megaschiffen mit 5.000 oder mehr Gästen ist eine geradezu babylonische Sprachverwirrung ja Standard, außerdem ist die persönlich-herzliche Serviceauffassung aufgrund der Touristenmassen dort überhaupt nicht zu leisten.

Am nächsten Morgen wird Südwestkurs angelegt und es geht von Grönland über die Labradorsee nach Nordkanada! Obwohl die See „kabbelig“ ist, zieht die HAMBURG erstaunlich ruhig dahin. In der Lounge werden die Reisenden von einer professionellen Lektorin auf dem Niveau von TV-Dokumentationen auf die zu erwartenden Begegnungen mit Walen vor der kanadischen Küste vorbereitet. Die Naturfreaks erfahren mit großem Staunen, dass die friedfertigen Meeresgiganten von einem fleischfressenden Huftier abstammen und erst im Verlauf von Jahrmillionen wurden, was sie sind. Einziges heute noch genetisch-verwandtes, lebendes Wesen: das Nilpferd! Die fasziniert-neugierig dem Vortrag folgenden Gäste lernen die Walarten kennen und lauschen gebannt deren von der Lektorin eingespielten Walgesängen. Unvorstellbar, dass der Ruf eines Blauwals von Artgenossen unter Wasser über 1000 km wahrnehmbar ist, d.h. ein z.B. vor Hamburg „singender“ Blauwal würde etwa vom norwegischen Bergen bis Rom gehört werden…unfassbar! Man bereitet die Gäste auf die „Kanarienvögel der Meere“, die lustigen Beluga-Wale, vor, weil man deren ständige Kommunikation sogar über der Wasseroberfläche hören kann. Großes Gelächter erntet die Lektorin für die vorgespielten Paarungsrufe der männlichen Walrosse, einem seltsamen Klopfen wie auf Holz mit einem überzeugenden Glockenschlag am Ende… welch zarte Walrössin könnte diesem Hochzeitsglöckchen schon widerstehen? Am Abend des erlebnisreichen Seetages, an dem erste Robben neugierig die HAMBURG begleiten, schlägt zum traditionellen Captain´s Dinner die große Stunde des Küchenchefs! Podder erweist sich, obwohl Inder, als Meister der internationalen Küchenkunst, quasi als Herr der Pötte auf dem Pott. Seine Küche ist eindeutig von dem renommieren italienischen Caterer Ligabue beeinflusst, für den die MS HAMBURG das stolze Flaggschiff seiner Flotte ist. Interessante Kreationen aus Italiens reichen Küchenschätzen interpretiert er mit schmackhaften asiatischen Elementen zu einem harmonisch-leichten Ganzen. Das herzliche, stets sehr bemühte Servicepersonal, begrüßt die Gäste bereits nach einigen Tagen namentlich und überschüttet den Gast fast mit seiner Liebenswürdigkeit. Im edlen Restaurant werden - in deutscher Sprache - den Gästen gerne die besten Leckerbissen empfohlen. So tragen die Servicelieblinge der Gäste Igidi, Cliff, David, Svetlana, Albert… und wie sie alle heißen zum großen „sich-Wohlfühlen“ an Bord entscheidend bei.
Nach dem vornehm- eleganten Dinner dann Showtime! In der Lounge eine abwechslungs-reiche Mischung von Unterhaltungsmusik: ein Rock‘n Roll-Pianist mit fliegenden Händen, der immer wieder gekonnt klassische Themen einfließen lässt. Und zur Begeisterung des Publikums sogar mit seiner Hakenase, quasi als 11. Finger, die Tastatur bearbeitet. Ein etwas pomadiger Sänger der die Zuhörer mit seinen Melodien auf den Broadway entführt und bekannte Melodien gekonnt dahinschmeichelt, eine junge Sängerin mit erstaunlichem Stimmvolumen walzert überzeugend durch den stets himmelblauen Operettenhimmel. Alle Künstler werden während der Reise nochmals an Soloabenden auftreten. Am Ver-blüffendsten ist jedoch die Vielfalt und Präzision der die Künstler live begleitenden, russischen Bordband, die anspruchsvoll Jazziges über urigen Blues bis zur profanen Tanzmusik alles perfekt aus ihrem Repertoire abrufen kann. Wen später das Tanzbein immer noch juckt, der kann dieses zu den Oldie- Melodien des Alleinunterhalters in der Palmengarten benannten Bar noch ausschütteln. Dass dabei eine zwanglose Atmosphäre wieder Trumpf ist, ist dabei selbstverständlich.

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