Cappuccina - Touristen?

Veröffentlicht: Sonntag, 04. November 2018

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Touristen? Kaum.
Vor einem Café leere Stuhlreihen, also ein Capuccino in der ersten Reihe, Königsloge, Platz in der Sonne. In unmittelbarer Nähe zu dem weißen, grüblerischen  Marmormonster nehme ich erst jetzt eine versunken vor sich hin-tanzende, nicht mehr ganz junge Frau wahr. Mit einem bunten langen Band zaubert sie fliegende Schlangen, energische Striche, in sich verkantete Dreiecke und asiatische Schriftzeichen lautlos in den blauen Himmel und vor die bunten Häuserfassaden. Auf den ersten Blick wirkt dies sehr meditativ, aber das vor ihr liegende Käppi hält um Anerkennung und Lohn gähnend die runde Hand auf. Vermutlich geht es also weniger um träumerische Meditation als mehr um ein paar Münzen, von denen sie sich und ihrem alten, neben Niccolo Tommaseo erschöpft schlafenden Hund, etwas Essbares kaufen will. Dann legt sie das bunte Schlangenband beiseite und versucht durch rhythmisches Schwingen zweier roter Fahnen ihr Geschäft zu beleben. Die Dame dürfte gut 40 sein, durch ihren etwas dunkleren Teint und ihre elegante, sambaige Bewegung verorte ich sie kurzerhand als aus Südamerika stammend. Unter den dünnen, windwendischen Fahnen tanzen ihre Beine himmelsschwirrig und bachstelzig. Ist mir zumindest 2 Euro wert - hätte ich ihr mich beim Münzeinwurf in das Che Guevara-Käppi streifendes kurzes Lächeln geahnt, wär es mehr geworden! Außer mir und vermutlich Tommaseo scheint sie niemand am Campo richtig wahrzunehmen. Der alte, ergraute Hund wacht durch das rote Fahnengeknatter auf und vergrunzt ihr zärtlich-heiser seine immer noch-Anwesenheit. Wenigstens einige kleine Kinder lassen sich von der durchaus seltsamen Darbietung beeindrucken. Aber nur kurz, dann werden wieder Tauben gejagt, ist eben doch abwechslungsreicher. Mir maulwurft die Novembersonne angenehm durch meine Gedankenspiele

Eine Gruppe jüdischer Touristenmumien folgt einer roten Schirm-Knirpsin. Die aufgestellte Mütze bleibt unbeachtet. Der Fahnenschwingerin reicht es jetzt: sie packt ein, spricht mit ihrem Hund: bad business today. Steht auf und geht, ihren Rucksack lässt sie liegen, scheinbar soll der den senilen Hund bewachen?

Vielleicht ist sie ja gar keine Südamerikanerin, sondern arabische Salafistin und gleich geht die Bombe hoch? Nach wenigen Minuten aber kommt sie wieder und teilt mit ihrem vierbeinigen, mit letzter Kraft und müde schwanzwedelnd, schmachtend bettelnden Begleiter ein Pannino imbotitto. Wo sie wohl heute Nacht schlafen wird? Wo kommt sie her? Wo will sie hin? Dann: Pullover an, Ende der Vorstellung. Schade. Sie setzt sich auf ihren Rucksack und raucht eine zuvor selbst gedrehte Zigarette, geradezu majestätisch, scheinbar auf Alles und Nichts wartend und offensichtlich Gedankenschatten dem steinernen Tommaseo in seinen imposanten Rauschbart flechtend. Dabei entgeht ihr, dass gerade die Machtverhältnisse auf dem  Campo wieder ins Lot gerückt werden! Denn… der Platzeigentümer persönlich erscheint in voller Größe und Selbstherrlichkeit. Provozierend langsam schiebt sich ein roter Kater diagonal  über den Campo - die Hunde entscheiden sich für ein devotes „ich bin nicht da“, die Tauben nimmt ER gar nicht erst zur Kenntnis, die lästigen Zweibeiner werden nachsichtig aber mit unverhohlener Antipathie geduldet. Einen Moment habe ich die kurze Sorge er könnte vielleicht doch den alten Hund meiner Südamerikanerin frühstücken… aber, grazie a dio, er lässt Gnade walten.

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