Nonno Colussi

Lebt Venedig eigentlich noch?

Die Asiaten rudeln durch Venedig! Japaner bzw. „Tsapponesi“, Chinesen, Koreaner und allen weitet es die Augenschlitze beim Anblick dieser Stadt. Was sie mit den restlichen Touristenmassen gemeinsam haben? Sie bewegen sich praktisch nur in den Gassenschluchten zwischen Rialto und San Marco. Und sie alle haben diese so sehr geliebte Stadt dramatisch verändert. Pizza, Snack, Drinks, Gelateria, Chicken, Hamburger, eat- drink-good food, salads, air condition neont es unentwegt von ehrwürdig- alten Hausmauern. Gibt es eigentlich noch echte Veneziani, Veneziani die hier leben?  

 

Und wenn ja…von was ernähren die sich? Wo kaufen die ein? Macellerie, Salumerie, Alimentari sind im gierigen Schlund des Geschäfts mit den Touristen verschwunden, nicht einmal einen Supermercato gibt es mehr. Klar der verfügbare Platz ist limitiert und sicher ist bei 365 Tagen Saison durch die angebotenen Magenfüller ein besseres Geschäft zu machen als mit den herkömmlichen negozii. Nur …das löst die Frage nicht: Wo kaufen die Venezianer ihre Grundnahrungsmittel? „Markt“- Forschung ist notwendig um hier eine Antwort zu erhalten, vermutlich am Besten abseits der zähen touristischen Mahlströme. Also im Sestiere Dorsoduro. Doch nach einigem ziellosen, aber hoffnungsvollen Herumirren stellt man sehr schnell fest, dass auch hier die Fastfoodpest, vor allem diese mit minderwertigem Käse gefluteten Teigfladen, Einzug gehalten haben. Über einem Schaufenster ist das vor einiger Zeit schmucklos hingeschriebene, frühere „Panificio“ unter der fetten, penetrant blinkenden Neonreklame „Pizza to go“ noch deutlich lesbar. Auch wenn hier die Tsapponesi und andere Invasoren deutlich in der Unterzahl sind. Dann wenigstens auf einem Campo St. Margerita ein kleiner Wochenmarkt mit ein paar Ständen Gemüse, Fisch und haushältigem Krämerramsch vom Schnürsenkel bis zum Waschpulver in kleinen, braunen Packpapierquadraten. Seltsam ruhig ist es hier, kein Händler ruft seine Ware aus und nur wenige Kaufwillige verlieren sich zwischen ein paar Verkaufsständen. Ein Inder schneidet mürrisch Artischockenböden aus, zu seinen Füssen hügelt Carciofi-Laub, vor ihm eine gelbe Plastikschale mit Wasser und den verbrauchsfertigen Artischockenböden.

Tutto chiuso? Nirgendwo gibt es Brot.

Weitere Tauchversuche in den vielen zum Campo führenden Nebengassen. Wenn auch der Kalorienschrott vom jenseitigen Canale Grande- Ufer hier deutlich dünner gesät ist, so fällt doch auf, dass sich viele ehemalige Geschäfte hinter braunen, metallenen Rolläden verbergen. Oft hat jemand mit einem Pinsel noch grob, lieblos und final „Chiuso“ hingeschmiert. Und das in Gassen deren klingende Namen einst so viel versprochen hatten: Calle Caffetier, Calle al Forno, Calle del l`uva, Calle del Botteghe, Calle del Magazhene. Sogar ein Calle Vida findet sich! Aber…wo ist dieses Leben hin? Die Kaffeeröster, Bäcker, Trauben- und Weinhändler, die Fassmacher, die alles und nichts vorhaltenden Händler?
Traurig und reichlich desillusioniert streiche ich um die Häuser, über kleine Brücken, entlang an wenigstens Gondola- freien Rios auf denen sich niemand die angeblichen venezianischen Volkslieder „Granada“ und „O sole mio“ für irgendwelche, 100 Euro oder mehr zahlenden Touristen mit großer Geste aus der Kehle presst. Venedig stirbt, hat sich an die Invasoren aus aller Welt für hohen Sold vernuttet, wird immer seelenloser oder…eat, drink, air condition… hat bereits gar keine mehr?
Zuerst konnte ich nur laute, italienische Stimmenverwirrung hören, dann einen süßlichen Mandelgeruch wahrnehmen. Begierig suchte ich nach beider Quellen. Und entdeckte in der dunklen Gassenschlucht der Calle Lunga di S. Barnaba eine kleine Pasticceria. Im Schaufenster, neben der offenen Türe, frische Kuchen und allerlei Gebäckkringel. Dahinter ein einfacher, gläserner Ladentisch mit einer älteren Dame im einfach-weißgrünen aber eleganten Schurz, dahinter ein offener Blick in eine hell erleuchtete Backstube. Und da stand er: groß, kugelrund- dick mit weißem Kittel und einer lustigen Bäckermütze auf dem Kopf. Sofort begriff ich, dass das der Inhaber des Namens ist, der auf der Hauswand schmucklos angeschrieben stand: „Nonno Colussi“. Vor dem Ladentresen zwei Frauen mit ihren Kindern. Der Nonno rollt, unablässig laut redend, aus seiner Backstube, geht auf die erwartungsvollen Kinder zu, streichelt ihnen zärtlich über den Kopf, gibt jedem einen (sicher noch lauwarmen!) Mandelkeks. Die Kinder bedanken sich artig, die Mädchen mit Knicks. Und der Nonno kann nicht anders, er MUSS sie alle auf den Kopf küssen, dabei ständig laut (vermutlich ist er schwerhörig!) vor sich hinpalavernd.
Und ich? Stehe beglückt vor der Pasticceria vom alten Colussi und kann auch nicht anders: mir rollen die Tränen
über die Wangen. Ich habe doch noch ein Stück venezianischer Seele gefunden!

 

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