Light my Fire

Veröffentlicht: Donnerstag, 08. August 2013

Wie man auf hoher See wieder jung wird.....

SPLENDOUR of the Seas, Schooner Bar, irgendwo vor der peloponnesischen Küste. Nach dem Abendessen noch ein gemeinsames Bier und dann ins Bett. So das Vorhaben. Die gemütlichste Bar des Schiffes ist fast leer. Doch dann setzt sich ein offensichtlich asiatisch abstämmiger Kerl ans Piano- oder ein indiogesichtigter Mittelamerikaner? Wer kann das schon genau unterscheiden. „Hi folks“ und den ganzen aufgesetzten amerikanischen Mist. „How you are doin“- jaja…ich trink das Bier ja gleich aus und dann bin ich weg. Will a) die Umarmungen der Nereiden des nächtlichen Meeres auf meinen ruhigen Balkon einatmen und b) zusehen wie der milchige Mond, beladen mit meinen verlorenen Träumen, über den nachtschwarzen Himmel zehenspitzt. „I haven`t prepared anything for tonight- you tell me, I play“. Logisch sagt er das immer. Und fängt- ojeh- mit “ Besame mucho” an. Jemand ruft „Twist and Shout“. Macht er. Das reicht für ein zweites Bier. Direkt am Flügel eine Reihe Barhocker, zwei davon nehmen meine Begleitung und ich jetzt ein.

 Es folgt Sinatras „New York, New York“- die Bar füllt sich, alle 9 Barhocker am Piano sind inzwischen besetzt. An einem anderen Tisch einige mühsam- herablassend lächelnde Jungspunde.. „Was wünscht Du Dir“ fragt mein Nachbar. Und weil mir plötzlich zum Singen zumute ist sage ich spontan „House oft he rising sun“. Sofort schreibt er das auf und hält dem etwas verdutzten Pianohäuptling den Zettel vor die platte Nase. Mir schräg gegenüber ein amerikanisches Ehepaar um die 60, er sympathisch soigniert, sie eine leicht verblühte, aber noch immer strahlende Schönheit. Ehemaliges Fotomodell? Direkt gegenüber, praktisch face-to face am anderen Ende des Flügels ein freundlicher, sehr deutlich von den Jahren gezeichneter alter Mann. 75 plus, der schon leicht schläfrig vor sich hingrummelt und auf seinem offensichtlich schlecht sitzenden Gebiss herumkaut. Und der Pianist? Schlägt die ersten Töne von dem Haus der aufgehenden Sonne an. Der Alte schreckt wie nach einem Elektroschock hoch! Strahlt. Und singt, völlig textsicher, mit. Duelliert sich leicht grölend mit seinem rund 20-. 25 Jahre jüngeren Gegenüber- denn auch ich gebe mein Bestes. Irgendwie scheint es mir, dass wir uns ständig voller Sympathie gegenseitig fokussieren. Auch das Ehepaar singt lauthals mit. Ebenso der Spanier halbrechts mit dem milchig- blinden linken Auge. Wie durch einen unsichtbaren, die Jahrzehnte überdauernden Zauber werden wir plötzlich zu einer verschworenen Einheit. Es scheint auch, dass die restlichen ca. 100 Barbesucher „dabei“ sind, singen zumindest die Refrains mit oder brummen lautmalerisch bewegt. So folgt ein alter Song dem anderen, die Bar ist inzwischen überfüllt und jeder über 50, und das sind die meisten, wird wieder was er/sie war. Mein Gegenüber, ich taufe ihn, warum auch immer „Phil“, lebt minütlich mehr und mehr auf. Wird immer jünger, lächelt zufrieden- verschmitzt, wird immer lauter und…ganz offensichtlich, immer…glücklicher! Aus listigen Augen blitzt es abenteuerlustig. Rundherum tobt es inzwischen! Wir verschmelzen alle! Hinter mich setzt sich eine, na sagen wir`s ruhig, Alte. Sie war mir schon während des Kapitänsempfangs aufgefallen. Schwer geliftet, goldene (!) Leggins, mindestens 45 Zähne, haushohe Schuhe, orangenes Top. Auch sie fällt in den musikalischen Jungbrunnen bestehend aus Elton John oder den Beatles, wird zur Lola der Kinks, zur Layla von Clapton. „Phil“ ist derweil mit geschlossenen Augen auf der „Long and winding road“ unterwegs, besucht stimmgewaltig seine „Delilah“, steigt textsicher im „Hotel California“ ab und rockt mit wildem, jede Arthrose vergessen machenden Armrudern rund um Bill Haleys Uhr herum. Ich stelle mir vor, dass er, sollte er heute Nacht sterben, dies sicher mit ewigem Lächeln macht. Aber …wenn man Phil so beobachtet…wer stirbt schon im zarten Alter von zwanzig Jahren? Nur bei „Light my fire“ hat weder er noch alle anderen am Flügel Versammelten eine Chance! Das ist meine Performance! Mit Revoluzzerfaust und Peacezeichen!! Völlig egal ob die Jungspunde aus einer anderen Zeit das wahrnehmen und lächerlich finden- ich kann in dem Moment nicht anders und will es auch nicht. „Free at last!“
Als Phil sich gegen Ende des Singalong- Happenings mit krummem Rücken mühsam gehend zurückzieht, sehe ich, dass er hinter seinen riesigen Ohrmuscheln zwei Hörgeräte trägt. Heute aber hat er viel mehr als Gerede und Musik gehört: seine Jugend, sein Leben!
Bis morgen Phil !? Einer zumindest geht noch!

 

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