Massentourismus oder die Korruption der Gastfreundschaft?

Eine Chronik vom Ausverkauf menschlicher Werte.

Xenos- im Griechischen hat dieses Wort zwei gleichwertige Bedeutungen: Fremder und…Gast! Gastfreundschaft wurzelt, unabhängig von unterschiedlichen Kulturen, Regionen und Zeit in religiösen Grundüberzeugungen und Lehren. Bei Ur- und Nomadenvölkern zelebriert als auf gewisse Zeit begrenzte, rituelle Aufnahme des Fremden in den eigenen Stamm, in der Antike verstanden als religiöse Pflicht, im Katholizismus als eines der Werke der Barmherzigkeit, im Islam als Selbstverständlichkeit der Bewirtung und Beherbergung Durchreisender oder in Not geratener. Und Gastfreundschaft war die Wurzel des Rechts auf Asyl, wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt, des „unberaubt seins“. Gastfreundschaft steht also über Beherbergung und Verpflegung hinaus auch für respektvolle, durchaus durch Neugier getriebene Integration, für wahrhaftes Interesse am anderen Sein und dem Willen das eigene zu offenbaren.

Euro statt Wasser und Öl

Wenn man beispielsweise vor rund 30 Jahren im ursprünglichen, westkretischen Hafenstädtchen Rethymnon die kurze, nur etwa 100 Meter messende Straße Psarrou hinaufging war dies zeitlich ein längeres Unterfangen. Die vielen, mehr oder weniger der Großfamilie Psarros zugehörigen Anwohner „mussten“ einfach den passierenden Xenoi ihre Gastfreundschaft erweisen, baten sie ins Haus, bewirteten sie mit frisch gebrühtem Kaffee skettos, mit einer Scheibe Brot, einem zum Eintunken dazugehörigen Teller selbstproduziertem Olivenöls und …mit einem Glas frischem Wasser.
Wenn man dann noch halbwegs der Landessprache mächtig und auch der Sitte, das Wasser des Hausherrn besonders zu loben, kundig war, kam die weitere Prozedur durchaus in die Nähe jener tradiert-rituellen Aufnahme durch ehrlich gemeinte Gastfreundschaft. Vergilbte, kaum mehr erkennbare Bilder der Urgroßväter wurden heraus gekramt, bisweilen unter Tränen längst vergangene Geschichten vom kretischen Widerstand - Freiheit oder Tod!- gegen die einst türkischen Besatzer erzählt. Nicht selten gesellten sich die landesüblich ganz in schwarz und mit hohen Stiefeln und Fez bekleideten Großväter dazu, um, ihr Komboloi unablässig schwingend, dem Gast/dem Fremden durch ihre pure Anwesenheit ihren Respekt und Ehre zu erweisen. Das Problem war nur…wenn man sich auf dem Weg zu seiner kleinen Pension am Ende der Straße befand, die Gastfreundschaft von Christos annahm…wie konnte man, ohne unhöflich zu sein, jene, der bereits wartenden Nachbarn Sifakas oder Manolis oder…oder…ausschlagen?
Rethymnon heute? Die Straße gibt es noch. Und sonst? Souvenirshops, „Hamburger & Coke- special offer!“, “Leder, Schmuck- schön und billig” , “Holiday Accessoires”, ”Gyros and greek salad- 2 Euro” und , man sehe und staune, einen “Turkish Bazar”!
Der Fremde ist vom Gast zum Touristen mutiert, zur wandelnden Geldquelle und wohnt in den betonwabigen Bettenburgen am Rande einer museal- fremd wirkenden, aber mit vielen neuen „Original Greek Tavern“ bezeichneten Restaurants. Die frühere Altstadt? Gibt es in dieser Form nicht mehr, aus ihr ist ein leerer, gesichtsloser Rahmen für „Special Offer“- Shops aller Art geworden. In und in der Umgebung des ehemals beschaulichen Kleinods Rethymnon werden aktuell in den einschlägigen Portalen 146 Hotels meist „zu Tiefstpreisen“ angeboten. In den Tavernen und Restaurants am Hafen bedienen freundliche Billiglohnarbeiter, vorwiegend aus den Ostblockstaaten, die ausländische Schickeria feiert im „Rethymnon Yacht Club“ unter sich.
Die ursprüngliche, kretisch-griechische Gastfreundschaft findet sich auch noch. Allerdings eher irgendwo im Landesinneren, eben dort, wo der Massentourismus keine ursächlichen Geschäftsinteressen hat.

Grande Finale?

Ortswechsel: Sie war die Fröhlichste! Trug Ihren stolzen Namen „La Serenissima“ zu Recht. Sie hat in den letzten 1500 Jahren Weltgeschichte geschrieben, große Künstler, Wissenschaftler, Forscher und Denker hervorgebracht, als großzügiger Gastgeber den Mächtigen der Welt aufgewartet und imponiert, war für viele - „da muss ich einmal hin!“- der Traum vom Reisen schlechthin. Nichts, kein Ort auf dieser Welt durfte (und darf ?) sich jemals erdreisten sich mit ihrer auf nur 6 Quadratkilometer konzentrierten Schönheit zu messen.

Und heute?

Rudeln Touristenmassen durch Venedig- jährlich über 20 Millionen! Was diese Konsumlemminge gemeinsam haben?
Sie bewegen sich vornehmlich in einem seltsam anmutenden Konzentrat in den Gassencanyons zwischen der Kanalüberspannerin am Rialto und San Marco. Und sie alle haben diese so sehr geliebte Stadt der 1000 Kanäle dramatisch verändert: geschmacklose Souvenirshops, fliegende Händler bieten aufdringlich ihren mit klingenden Markennamen verzierten Ramsch an, auf den Gondole pressen sich, 100 Euro pro Tourist und Stunde, irgendwelche Sänger „O sole mio“ und „Granada“ aus der Kehle. „Pizza, Snacks, Drinks, Gelateria, Chicken, Hamburger, eat-drink-good food, salads, air condition“ neont es unentwegt von ehrwürdig-alten Hausmauern. Gibt es eigentlich noch Menschen, echte Veneziani, früher der Inbegriff von herzlicher Gastfreundschaft? Die hier leben? Angeblich sollen es noch 60.000 sein. Nur…von was sollen diese sich ernähren? Wo das für den Lebensunterhalt Notwendige einkaufen? Macellerie, Salumerie, Alimentari sind im gierigen Schlund des Geschäfts mit den Touristen verschwunden, nicht einmal einen Supermercato gibt es mehr. Klar, der verfügbare Platz ist eben limitiert und sicher ist bei 365 Tagen Saison durch die angebotenen Magenfüller ein besseres Geschäft zu machen als mit den herkömmlichen negozii. Nur …das löst die Frage nicht: Wo kaufen die Venezianer ihre Grundnahrungsmittel? „Markt“- Forschung ist notwendig um hier eine Antwort zu erhalten, vermutlich am besten abseits der zähen touristischen Mahlströme. Also im Sestiere Dorsoduro? Doch nach einigem ziellosen, aber hoffnungsvollen Herumirren stellt man sehr schnell fest, dass auch hier die Fastfoodpest, vor allem diese mit minderwertigem Käse gefluteten Teigfladen, Einzug gehalten haben. Über einem Schaufenster ist das vor einiger Zeit schmucklos hingeschriebene, frühere „Panificio“ unter der fetten, penetrant blinkenden Neonreklame „Pizza to go“ noch deutlich lesbar. Auch wenn hier die „Tsapponesi“ und andere Invasoren deutlich in der Unterzahl sind. Dann wenigstens auf einem Campo St. Margerita ein kleiner Wochenmarkt mit ein paar kleinen Ständen mit Gemüse, Fisch und haushältigem Krämerramsch, vom Schnürsenkel bis zum Waschpulver in kleinen, braunen Packpapierquadraten. Seltsam ruhig ist es hier, kein Händler ruft seine Ware aus und nur wenige Kaufwillige verlieren sich zwischen ein paar Verkaufsständen. Ein Inder schneidet mürrisch Artischockenböden aus, zu seinen Füssen hügelt Carciofi-Laub, vor ihm eine gelbe Plastikschale mit Wasser und den verbrauchsfertigen Artischockenböden. Und? Nichts mehr! Nirgendwo gibt es Brot! Der Massentourismus hat diese Perle der Menschheit schlichtweg pervertiert, den Begriff Gastfreundschaft durch die blanke Geldgier ersetzt.
Weitere Tauchversuche in den vielen zum Campo führenden Nebengassen. Wenn auch der Kalorienschrott vom jenseitigen Canale Grande-Ufer hier deutlich dünner gesät ist, so fällt doch auf, dass sich viele ehemalige Geschäfte hinter braunen, metallenen Rollläden verbergen. Oft hat jemand mit einem Pinsel noch grob, lieblos und final „Chiuso“ hingeschmiert. Und das in Gassen, deren klingende Namen einst so viel versprochen hatten: Calle Caffetier, Calle al Forno, Calle del l`Uva, Calle del Botteghe, Calle del Magazhene.

Sogar ein Calle Vida findet sich! Aber…wo ist dieses Leben hin? Die Kaffeeröster, Bäcker, Trauben- und Weinhändler, die Fassmacher, die alles und nichts vorhaltenden Gemischtwarenläden?
Wo und wie also sollen die offiziell 60.000 noch existierenden Veneziani leben? Vermutlich zum größten Teil am Festland? In der, wie es hier heißt, „hässlichen Schwester“ Mestre mit seiner angrenzenden, krebsig wuchernden chemischen Industrie?
Das alte Venedig aber scheint auf dem Weg zu einem Freizeitpark nach amerikanischer Disney-Prägung. Die absurde Frage nach den Öffnungszeiten dieses „Good Fun“ -Dorados stellt sich fast zwangsläufig.
Es ist die bereits angesprochene, unbegrenzte Gier nach schnellem Geld, die diese Stadt und Ihr Denken scheinbar unheilbar verseucht hat. Und die „Serenissima“ wird, wie viele andere, vom gleichen Denken bestimmte Destinationen, letztlich unrettbar daran zu Grunde gehen. Selbst ökologisch unabdingbare Maßnahmen werden auf dem Altar dieser Geldgier einfach negiert. Bestes Beispiel hierfür sind die vielen, wie Monster anmutenden Kreuzfahrtschiffe, die mit ihren riesigen Schiffsschrauben den Boden der flachen Lagune aufwühlen, dabei die Stadt vom Hochwasser schützenden Sandbänke abtragen und für schwerwiegende Strömungsveränderungen sorgen. Die Bürgerinitiative „No grandi navi“ protestiert seit Jahren verzweifelt, alles was bisher aber erreicht wurde sind PR-wirksame Zusagen der verantwortlichen Politiker. So zum Beispiel, dass man jetzt auf einer „anderen“, angeblich weniger schädlichen Routenführung am Markusplatz vorbeifahren würde. Und, dass die großen, die Megaliner betreibenden Reedereien zugesagt haben über ökologische günstigere Lösungen „nachzudenken“. Fabelhaft!
Venedig und Gastfreundschaft? Gibt es selbstverständlich noch immer. Aber fast eben nur noch gegen Geld. Für kundige Venedig-Besucher gibt es noch quasi geheime Rückzugsoasen, meist Bacchari, die im labyrinthigen Gassengewirr irgendwie verschont, weil von den Touristenmassen unentdeckt, geblieben sind. Dort kann man noch nach altem, venezianischen Brauch seine „Ombra“, wie das häufig am Tag genossene Glas Wein hier noch heißt, unter den laut und temperamentvoll gestikulierenden Arbeitern und Händlern des nahen Fischmarkts genießen.
Dennoch ist es ein nicht negierbares Faktum: der massenhafte Zustrom von Touristen, das Wort „Gast“ wird hier bewusst vermieden, ist für tradierte, kulturelle Werte und insbesondere für die Gastfreundschaft ein schleichendes aber letztlich tödliches Gift.
Seine Namen lauten: Geldgier und Korruption.

 

 

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